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Drascha zum Schabbat Schira Beschallach, Hamburg, Freitag, 07.02.2025 von Landesrabbinerin Alina Treiger

Liebe Gemeinde,


heute, am Schabbat Beschallach, auch bekannt als "Schabbat des Gesangs/Schira", richten wir unseren Blick auf eine der tiefsten und bewegendsten Ausdrucksformen des jüdischen Glaubens: den Gesang. Der Talmud (bT Arachin 11a) stellt die Frage: "Welcher Gottesdienst erfolgt mit Freude und Herzenslust?" Die Antwort: Es ist der Gesang.


Warum ist der Gesang so bedeutend? Ein paar Fakten unterstreichen seine Wirkung: Er reduziert Stress, aktiviert Glückshormone und schafft ein Gefühl der Zusammen-gehörigkeit. Doch der Gesang ist weit mehr als nur eine Technik zur Entspannung. Er hat eine spirituelle und sogar heilende Kraft, die das jüdische Volk durch alle Zeiten begleitet hat – in Momenten der Freude ebenso wie in Zeiten tiefster Not. Selbst in den dunkelsten Stunden der Geschichte, in den Konzentrationslagern, diente das Sin-gen als Mittel gegen Angst und Verzweiflung, als Ausdruck von Hoffnung und Wider-stand.

In der dieswöchigen Toralesung finden wir das berühmte "Schilfmeerlied" (Ex 15), den ersten großen Lobgesang des jüdischen Volkes. Der Midrasch Schmot Rabbah, Be-schallach 23 betont die Einzigartigkeit dieses Moments: Kein Mensch hatte bis zu die-sem Zeitpunkt ein Lied für Gott gesungen – nicht Adam, nicht Abraham, nicht Isaak oder Jakob. Erst als das Volk Israel das Wunder der Teilung des Meeres erlebte, brach es in Gesang aus. Warum?

Es waren die Sklaven, die die Macht des Gesangs als Ausdruck von Dankbarkeit und Glauben erkannten. Ihre Stimmen vereinten sich in einem kollektiven Akt der Erlö-sung. Der Gesang verwandelte ihre Angst in Hoffnung, ihre Unterdrückung in Freiheit.


Neben dem Schilfmeerlied hören wir an diesem Schabbat auch das Lied der Prophetin Deborah (Ri 5). Auch hier wird Gott für seine Hilfe und Rettung gelobt. Lieder, so zeigt es uns die Torah, sind nicht nur Worte mit Melodie – sie sind eine Form des spirituel-len Ausdrucks, die direkt das Herz erreicht.

Dies ist die Einleitung zu Aaron Friedmans Buch zum 100. Geburtstag von Louis Le-wandowski, das ich heute zitieren möchte und das auch das Thema der jüdischen Synagogenmusik aufgreift.


Der Gesang erweckt bekanntlich wahre Andacht und die Frömmigkeit ergreift das Herz des Menschen und macht es empfänglich für religiöse Gefühle. Daher widmeten sich König David und, durch ihn angeregt, auch die Leviten-Familien Asaf, Jedutun und Heman dem gottes-dienstlichen Gesange, und später weihte Salomo durch eine große Zahl Sänger und Spieler den von ihm erbauten Tempel ein und ordnete den alten davidischen Gesang an. Nach der Zerstörung des ersten Tempels trat Israel mit der Thora, den Propheten und den Psalmen in der Hand die Wanderschaft durch die Erde an und verbreitete nicht allein die Gesetze Gottes, sondern auch die Gesänge, die sie im Tempel zu Jerusalem gehört hatten. Gebet und Gesang waren die steten treuen Begleiter des jüdischen Volkes, und selbst in den traurigsten Epochen der Ge-schichte wurde in der Synagoge gesungen. Diese Gesänge, hervorgerufen durch die Anbetung des einig einzigen Gottes, nahmen im vorigen Jahrhundert auch durch Louis Lewandowski eine ausgeprägte künstlerische Gestalt an.

Auch die chassidischen Nigunim öffnen die Herzen der Gläubigen mit ihrer außerge-wöhnlichen Wärme und Begeisterung.


Rabbi Nachman von Braslaw sagte: "Tränen öffnen Tore, Gesang reißt Mauern ein." Gesang hat die Kraft, Barrieren zwischen Menschen zu überwinden, Gemeinschaft zu stiften und uns Gott näher zu bringen.


In der heutigen Zeit erleben wir eine Renaissance des jüdischen Gesangs. Komponis-ten wie Shlomo Carlebach oder Debbie Friedman haben Lieder geschaffen, die Men-schen weltweit berühren und verbinden. Wie Naomi Schemer sagte: "Wir sind eine kleine und familiäre Gemeinschaft, die ihre Wurzeln in der Synagoge hat. Der ge-meinsame Gesang ist unser natürlicher Ausdruck."


Möge der Gesang in unserer Gemeinde weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Möge er uns Freude und Herzenslust bringen, uns näher zu Gott und zueinander führen. Denn, wie der Talmud sagt: "Jedem, der einen Gesang in dieser Welt darbringt, wird es zu-teilwerden, einen Gesang in der kommenden Welt darzubringen." (bT Sanhedrin 91b)

In diesem Sinne wünsche ich uns allen einen gesegneten Schabbat des Gesanges. Amen.


Schabbat Schalom!


Hier geht es zur russischen Version:




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